Es war im Januar 2024, als mir unser Kunde Ulrich Ladurner, ein visionärer Südtiroler Unternehmer, ein E-Mail schrieb mit der Betreffzeile „Buch ‚Zukunft‘ von Florence Gaub bitte dringend besorgen“. Wir arbeiteten damals an den Grundlagen für eine neue Produktmarke seines Unternehmens Dr. Schär. Ein Projekt mit sehr weitreichender Perspektive – in die Zukunft. Umso wirkungsvoller, das Verständnis für die Aufgabenstellung über Gespräche zu den Thesen von Florence Gaub zu vertiefen. Buch gekauft. Gelesen. Begeistert.

Gedanken an die Zukunft lösen heute nicht immer Euphorie aus. Dabei ist die Ungewissheit, die Zukunft naturgemäß mit sich bringt, das kleinere Problem. Denn angesichts all der Entwicklungen, denen wir uns ausgesetzt fühlen – Umwelt, Weltordnung, Wirtschaft, Populismus, künstliche Intelligenz – kann einem schon mal die Vorfreude auf das, was vor uns liegt, abhandenkommen.
Zukunft – eine Bedienungsanleitung.
Ganz anders Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Florence Gaub ist fasziniert von Zukunft – dass wir uns Zukunft vorstellen können, hält sie für eine Superkraft, die nur uns Menschen vorbehalten ist. Keinem anderen Lebewesen auf der Welt wurde diese Fähigkeit jemals nachgewiesen. Wir hingegen können uns eine Zeit vorstellen, die noch nicht existiert – so lebendig, dass unser Gehirn diese Vorstellung fast wie eine Erinnerung verarbeitet. Das macht Mut, und natürlich Neugierde darauf, wie genau ihre Bedienungsanleitung für die Zukunft aussieht.

Sensus 2025: (v.l.n.r.) Brigitte Foppa (Landtagsabgeordnete der Südtiroler Grünen), Dr. Florence Gaub, Ulrich Ladurner, Claudia Plaikner (Vorsitzende des Heimatpflegeverbands), Prof. Dr. Martin Zagler (Wirtschaftsuniversität Wien und Universität des östlichen Piemont), Prof. Dr. Harald Pechlaner (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt). Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Vigilius Sensus.
„Zukunft. Wissen, was (noch) nicht ist.“
Einmal im Jahr, meistens Ende November, findet Sensus statt. Sensus ist eine Veranstaltungsreihe, die Ulrich Ladurner 2012 ins Leben gerufen hat. Sein Ziel: ein öffentliches Forum zu schaffen, bei dem renommierte Köpfe über die verschiedensten Aspekte gesellschaftlicher Weiterentwicklung sprechen. Man darf ihm dankbar sein für dieses Format, war es doch bei jedem meiner Besuche bislang in hohem Maße inspirierend und anregend. Besonderer Dank gebührt ihm dafür, dass er es ermöglicht hat, anlässlich der jüngsten Sensus-Veranstaltung im November 2025 Florence Gaub einzuladen. Ihr Vortrag war ein hoffnungsvoller, anregender Blick in die Zukunft und vor allem auf den Umgang mit ihr, der den Zuhörern das gab, was beim Denken an die Zukunft gerade in dieser Zeit zu oft verloren geht: Zuversicht.


Sensus findet seit 2012 auf dem Vigiljoch im Vigilius Mountain Resort statt. Das 5-Sterne-Hotel in der Nähe von Meran in Südtirol liegt auf 1500 m Höhe und ist nur mit der Seilbahn erreichbar. Die meisten der rund 40 Zimmer bieten einen weiten Blick – bei klarem Wetter deutlich über die Dolomiten hinaus. Ein Ort der Ruhe, der Stille und der Natur, in die sich das nachhaltig ausgerichtete Haus einfügt. Das Vigilius Mountain Resort entstand Anfang der 2000er-Jahre auf Initiative von Ulrich Ladurner gemeinsam mit dem Architekten Matteo Thun. Eine Stilikone wurde ins Leben gerufen, die noch immer Vorbild ist für eine neue Art des ökologischen Luxus. Heute wird das Haus von Ingrid Ladurner geführt.

Sensus 2025: Folgt man den Gedanken von Florence Gaub in ihrem Vortrag, gibt es nicht nur die eine Zukunft. Sie unterscheidet vier verschiedene „Zukünfte“: die tägliche Zukunft (Wie verbringen wir den Tag?), die persönliche Zukunft (Wie planen wir das nächste Jahr?), die Epoche, in der wir leben (die kommenden 10-15 Jahre), und schließlich die größere, kollektive Zukunft oder auch die Zukunft des Planeten.
Bemerkenswert, dass wir durchschnittlich, so Florence Gaub, rund 80 Prozent unserer Zeit auf die tägliche Zukunft verwenden, nur 14 Prozent auf die des kommenden Jahres und nur 6 Prozent auf die nächsten 10 bis 15 Jahre.
Die kollektive, größere Zukunft scheint dagegen kein Thema zu sein, mit dem wir uns üblicherweise beschäftigen. Auf die Frage nach dem Warum gibt Florence Gaub gleich mehrere Antworten. Zum einen ist der Nutzwert der kleinen, täglichen Zukunft gefühlt für uns größer, denn das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Zum anderen sind vor allem westliche Gesellschaften eher Richtung Vergangenheit denn Richtung Zukunft ausgerichtet – beispielsweise erkennbar daran, dass in der Schule Fächer wie Geschichte oder Latein gelehrt werden, aber kaum Fächer, die zukunftsvorausschauend sind.

“It’s not what’s ahead –
it’s what’s in your head.”
In ihrem Vortrag beschreibt Florence Gaub Zukunft nicht als ein festes Ereignis, das vor uns liegt, sondern als einen Raum voller Möglichkeiten. Im Englischen besonders prägnant in der Formel “It’s not what’s ahead – it’s what’s in your head.” Welche dieser Möglichkeiten Realität wird, hänge stark davon ab, so Gaub, wie optimistisch oder pessimistisch man ist. Haben wir Einfluss auf die Zukunft oder nicht? Es geht darum, wie wir unseren Einfluss auf die Zukunft einschätzen. Wenn wir davon ausgehen, Einfluss auf die Zukunft zu haben, kommen wir in eine gestaltende Rolle. Zukunft passiert nicht, Zukunft wird gemacht.

Für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Zukunft empfiehlt Florence Gaub die defensive und die offensive Perspektive. Defensiv geht es um die Frage: Was will ich schützen und bewahren? Welche Vorkehrungen kann ich treffen, damit mir das gelingt? – Offensiv bedeutet, sich mit seinen Wünschen an die Zukunft auseinanderzusetzen. Welche Zukunft fühlt sich richtig an? Welche Bilder lösen Zuversicht und Hoffnung aus? Zukunft ist ein Gefühl, so Gaub. Menschen kommen ins Handeln, wenn ein Zukunftsbild attraktiv ist. Reine Angsterzählungen – etwa beim Klimawandel – haben wenig Motivationspotenzial und können schnell zu Ablehnung führen. Florence Gaub plädiert dafür, dass unsere Gesellschaft wieder mehr lernen muss, ein positives Zukunftsbild zu entwerfen. Partizipation, also eine echte gesellschaftliche Beteiligung, hält sie dabei für zentral. Jede Gesellschaft, jedes Unternehmen, jeder Mensch brauche ein positives Bild von der Zukunft.


Auf in die Diskussion.
Im Anschluss an den Vortrag von Florence Gaub moderierte Prof. Harald Pechlaner, Leiter des Centers for Advanced Studies von Eurac Research in Bozen und Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, eine interdisziplinäre Diskussion mit Ulrich Ladurner, Florence Gaub, Brigitte Foppa (Landtagsabgeordnete der Grünen in Südtirol), Prof. Martin Zagler (Wirtschaftsuniversität Wien und Universität des östlichen Piemont) und Claudia Plaikner (Vorsitzende des Heimatverbands) für die rund 90 anwesenden Gäste.
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Vigilius Sensus.
Weitere Informationen zu dieser Veranstaltung finden Sie unter
www.eurac.edu/de/events/vigilius-sensus-2025 oder unter www.vigilius-sensus.org.

Ich nehme viele Gedanken mit aus dieser Veranstaltung, inspirierende ebenso wie auch bestätigende. Klar ist jedenfalls, dass Kommunikation eine elementare Rolle dabei spielt, Zukunft zu gestalten. Denn: Die positiven Bilder der Zukunft, die Florence Gaub anmahnt, entstehen vor allem dadurch, dass sie erzählt werden. So freue ich mich darauf, auch in Zukunft für unsere bestehenden und künftigen Kunden genau solche positiven Bilder ihrer Zukunft zu entwickeln – sei es mit einem neuen, ihrer Identität entsprechenden Markenauftritt, sei es in der Begleitung umfassender Transformationsprozesse oder sei es in akuten Situationen, für deren Lösung eine zukunftsgerichtete Kommunikation ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.

In diesem Sinne auf ein gutes neues Jahr!

Florence Gaub
Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Zukunftsforscherin und Forschungsdirektorin am Nato Defense College in Rom. Sie berät Regierungen und internationale Organisationen mit Trendanalysen und Zukunftsszenarien. Florence Gaub ist deutsch-französische Staatsbürgerin, diente als Reserveoffizier in der französischen Armee und hat an der Sciences Po in Paris, der Sorbonne und der Universität München studiert, gefolgt von einer Promotion an der Humboldt-Universität in Berlin. Sie hat mehrere Bücher verfasst: 2023 erschien ihr Buch „Zukunft. Eine Bedienungsanleitung“, im November 2025 „Szenario: Die Zukunft steht auf dem Spiel“ (beide dtv München).
Ulrich Ladurner
Ulrich Ladurner gründete 1980 das Unternehmen Dr. Schär, das zunächst auf die Herstellung und den Vertrieb glutenfreier Lebensmittel für Zöliakie-Betroffene spezialisiert war. Ausgehend von seiner Mission „Wir verbessern das Leben von Menschen mit besonderen Ernährungsbedürfnissen“ beschäftigt das Unternehmen heute mehr als 1700 Mitarbeitende an 18 internationalen Standorten in 12 Ländern. Im Fokus stehen dabei auch heute noch glutenfreie Lebensmittel, gleichzeitig bietet Dr. Schär zahlreiche weitere Produkte für besondere Ernährungsbedürfnisse an.
Jens Petershagen
2008 gründete Jens Petershagen mit der Petershagen Communications GmbH seine strategische Unternehmensberatung für identitätsbasierte Kommunikation. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Stuttgart-Hohenheim sowie der Germanistik, Romanistik und Betriebswirtschaft an der Universität Köln folgten Stationen bei Daimler, Deutsche Telekom und RWE sowie bei den Agenturen Springer & Jacoby in Hamburg und BBDO in Düsseldorf. Heute berät Petershagen Communications überwiegend mittelständische Unternehmen und Familienunternehmen in der DACH-Region. Das Unternehmen Dr. Schär berät Jens Petershagen mit seinem Team seit 2014.

